Montag, 09. Juli 2007 18:34
Hört doch mal bitte auf mit diesen Aufnahmen von sonnenbestrahlten Plätzen (inklusive Springbrunnen, Statue, historisches Gebäude, Straßencafé plus bunte Schirme), mit denen ihr für eure bereisbare Lebenslust werbt. Die Aufnahmen, die immer gerammelt voll sind mit neben- oder aufeinander gluckenden jungen, hübschen und wild rumknutschenden Menschen, mit Menschen, die sagen, aber ohne Worte, weil sie ja den Mund voll haben, also die sagen: »Los, komm in unsere Stadt, dann klappt’s auch mit dem Knutschen!« Und wer, bitteschön, knutscht nicht gerne? Aber ach, alles Lüge!
Kleiner Einschub: Ist es schon mal jemandem außer mir aufgefallen, dass man in zwölf von zehn Fällen das Wörtchen ‘knutschende’ mit dem Wörtchen ‘Pärchen’ kombiniert? Pärchen knutschen, Paare küssen, aber höchstens flüchtig. Ganz eigentlich schubbern sich Paare nur gegenseitig die Schuppen von den Schultern. Doch zurück zu euch, ihr Schummel-Städte:
Man macht sich also auf den Weg zu euch, weil man ein mittelalter Sack, respektive eine Säckin ist, der/die auch noch mal will, nämlich spüren — auf Treppen, Bänken, an Brüstungen lehnend, kurz: überall. Man ist so kirre vor Aufregung, dass man schon mit gespitzten Lippen und halb geschlossenen Augen aus Zug oder Flugzeug steigt, und dann steht da niemand anderes mit spitzen Lippen und halb geschlossenen Augen. Nicht mal die bessere Hälfte, mit der man gedachte, sich durch Sonne und Stadt und Platz und den darauf Rumknutschenden inspirieren zu lassen, um der — sagen wir, wie es ist — um der vor sich hin schwabbelnden Beziehung zu neuer Elastizität zu verhelfen. Und reist man mit dem Auto an, findet man keinen Parkplatz.
Hat man sich dann von der ersten Enttäuschung erholt und/oder tatsächlich einen Parkplatz gefunden, sammelt man seinen Optimismus, nennt sich selbst Knallkopp, weil zum Knutschen ja Springbrunnen, Statue, historisches Gebäude und Straßencafé mit bunten Schirmen und nicht Bahnsteig, Gepäckband oder ein ganz ungesund an den Bordstein gequetschter Vorderreifen gehören und macht sich beschwingt auf zum berühmten Zentrum. Doch dort ist der Springbrunnen aus, Statue und historisches Gebäude sind nicht sichtbar, weil in Restaurationsgerüste und -planen gehüllt. Dazwischen umso planlosere Touristen, die ausreichend damit beschäftigt sind, sich ihr Reiseziel so vorzustellen, wie sie es auf euren Mogelbildchen gesehen haben, um schließlich ersatzweise die Restaurationsmaßnahmen oder Tauben zu knipsen. Und die Straßencafés mit den bunten Schirmen? Die gibt es, aber da kostet der Kaffee fünf Euro. Den leisten sich lediglich die betagten Mitglieder einer Reisegruppe aus Wachtendonk, und zwar nur, um sich überhaupt mal was im Leben zu leisten. Spaß macht denen das nicht, die griesgrämigen Gesichter verraten es.
Da steht man also, schaut sich um, keine Pärchen weit und breit, knutschende gleich gar nicht, weil die eine mögliche Hälfte im Einkaufszentrum die neuesten H&M-Hemdchen ausprobieren muss, während die andere mögliche Hälfte an Rolltreppen steht und sich zu-ess-em-esst, dass die Sabrina ja voll den geilen Arsch hat. Die Knutschlust bleibt einem im Halse stecken, ist gar wie weg geblasen. Man denkt an die eigenen vier Wände, in denen der Kaffee preiswerter ist und der Zimmerspringbrunnen funktioniert und wo die auf Timelife-DVDs gebannten historischen Gebäude niemals durch Planen, höchstens durch Fahnen und auch nur teil-verhüllt sind. In der Ferne plötzlich zwei Menschen, Mann und Frau. Sie wendet sich ihm zu. Hoffnungsschimmer! Dann schubbert sie ihm die Schuppen von den Schultern.
Enttäuscht von der Enttäuschung, die ihr verbreitet,
P.S.
P.S. Neulich, zugegeben, sah ich ein knutschendes Pärchen. Das erste seit sicherlich Monaten, wenn nicht gar Jahren und damit den Grund für diesen dezent überzogenen Text. Die beiden saßen auf einem kleinen Mäuerchen (sie auf seinem Schoß, er mit der Hand unter ihrem Shirt) vor dem Supermarkt, in dem die Bürotürmler, die im Norden Münchens den Tag über telefonierend Content generieren, ihre Schuppenshampoos kaufen. Sicher Absicht.